Hat sie doch schon mit Spannung die Schwangerschaft über verfolgt, welche riesigen Fortschritte der kleine Punkt auf dem Ultraschallbild in seinem Menschwerden schon allein bis zur Geburt bewältigt. Dann beobachtet sie ein gesundes Kind in seiner rasanten Entwicklung: Erster Schritt, erstes Wort und dass es selbst den Becher und den Löffel halten kann. Man sieht, wie es ohne Schnuller auskommt, endlich durchschläft, mit großen Steckformen sicher umgehen kann und zum ersten Mal aufs Töpfchen geht. Mit Fotoapparat und Baby-Tagebuch hetzt Mutti mit Datum hinter den kleinen Ereignissen her. Die Oma vergleicht voller Stolz die Fortschritte ihres Enkel im Kegelverein und zückt dabei Beweisfotos. Nun kommen auch erste vergleichende Blicke...in der Babygymnastik, beim Babyschwimmen und in der Krabbelgruppe. „DER ist aber schon weit!“ heißt es anerkennend...und Mutti ist stolz und freut sich.
Doch schon manchmal hört man auch einen kritischenTonfall heraus, der sich noch mit etwas Wohlwollen überhören lässt. Schließlich kann die Kleine der anderen Krabbelgruppenmutter die Formen noch nicht so sicher unterscheiden, denn die Kinder können ja nicht alles immer gleich gut.
Dafür konnte sie mit ihren 9 Monaten schon gut am Tisch stehen und war beim Krabbelrennnen deutliche Siegerin und hat wirklich so süße Locken. Aber irgendwie scheint es dennoch nicht befriedigend für die Mami von der Krabbelsiegerin zu sein, dass auch mal ein anderes Kind im Vorteil ist.
Die kleine Siegerin (nennen wir sie Lilli) des Krabbelwettrennens ist mit 3Jahren schon beim Ballett gemeldet, sie trägt bereits keine Windel mehr und malt wirklich tolle Bilder. Der kleine Formenerkenner (nennen wir ihn Paul) dagegen trägt noch seine Windel und ist wirklich sehr ungeschickt. Er hängt sehr an seiner Mutti und möchte den ganzen Tag von ihr beschäftigt werden, wobei die Ballettmaus auch schön alleine spielen kann. Dazu kommt, dass Paul abends schlecht oder spät einschläft, während Lilli pünktlich die Augen zuklappt. Pauls Mutti ist frustriert und übermüdet. Lillis Mami ist sicher, dass Pauls Mutti irgendetwas falsch macht und erklärt stolz ihr Schlafenszeit-Ritual. Pauls Mutti stutzt und bemerkt, dass sie das eigentlich schon alles probiert hat. Die Kindergartenzeit beginnt und Lilli hat mit Mami den Namen schreiben geübt. Pauls Mutti ist schon froh, wenn Paul bloß nicht wieder in die Hose macht. Dazu mag er mit den anderen Jungs nicht Ball spielen und hängt entweder der Betreuerin am Bein oder zieht sich zurück, - na gut, bis auf den Tag als die Vorschulkinder beim Förster waren. Er wäre soo gern mitgegangen, denn er kennt alle heimischen Singvögel – doch da muss er noch warten, denn da dürfen nur die Vorschulkinder mit. Mit mittlerweile 4 Jahren findet Lilli den Kindergarten toll, - Paul weint und hat morgens oft Bauchweh. Immer öfter verweigert er sich und geht allein in die Bücherecke oder sortiert Bausteine. Paul sollte vielleicht mal zum Heilpädagogen, versucht die Kindergärtnerin zu helfen. Lilli dagegen malt und bastelt und bekommt sogar die Hauptrolle im Kinderkrippenspiel.
Paul muss zum Amtsarzt. Wegen dem Heilpädagogenantrag. Der Amtsarzt schaut skeptisch und stellt Paul viele Fragen. Paul gefällt das gut. Nach einer Stunde teilt der Amtsarzt Pauls Mutti mit:
Ihr Sohn hat mindestens einen IQ von 130, es wäre gut ihn bald einzuschulen, denn er langweilt sich im Kindergarten. Paul strahlt – ja er will in die Schule! Pauls Mutti ist durcheinander und versucht deshalb mit Lillis Mami zu sprechen. Lillis Mami wirft ihr einen mitleidigen Blick zu. Ausgerechnet Paul, der sich noch immer mal in die Hose pinkelt und über seine eigenen Füße stolpert? Dann ist Lilli doch ganz sicher mindestens hochbegabt. Vielleicht sollte sie das mal testen lassen. Paul einschulen? Mit fast 5 Jahren ein wenig früh, meint auch der Kindergarten und möchte Paul eigentlich nicht in die Vorschulgruppe stecken. Der Blick und die Antwort sprechen Bände.
Peinlich fand die Mutti von Paul dieses Gespräch, sie fühlte sich verhöhnt von allen Menschen, die sie darauf ansprach, außerdem war sie doch selbst sowieso noch unsicher. Die anderen Kindergartenmamis verstummen sobald sie in die Nähe kommt, also hat es schon die Runde gemacht. Eine Freundin empfiehlt eine Selbsthilfegruppe. Paul ist doch nicht krank, meint Mutti, aber sie geht dann doch einfach mal hin. „Eigentlich gehöre ich hier wahrscheinlich nicht hin“, sind ihre Worte zu den anderen ELTERN hochbegabter Kinder. Doch nachdem sie den Berichten zuhörte, beginnt sie zu begreifen, wie wichtig ihre Entscheidung und Aufmerksamkeit nun für Paul sein wird und fragt sich durch die erfahreneren Eltern hindurch. Hier ist es nicht peinlich, oder schwierig über Hochbegabung zu sprechen. Pauls Mutti entscheidet sich dann doch für eine Einschulung mit 5 Jahren. Auch wenn dieser Kindergarten dies nicht gern sieht. Sie teilt es auch Lillis Mami mit, was diese mit dem Spruch:“Lilli könnte ja auch gehen, aber ich will ihr nicht die Kindheit rauben“ kommentiert. Pauls Mutti weiß mittlerweile, dass Paul eigentlich schon lesen und bis 100 rechnen kann und deshalb immer in die Bücherecke verschwunden ist oder Bausteine sortiert hat. Sie spricht Lillis Mami möglichst nicht mehr auf das Thema an. Lillis Mami hat Lilli auch testen lassen. Sie sagt es aber nicht. Lilli ist mehr als überdurchschnittlich intelligent und hat einen IQ von 116! Diesen IQ-Wert teilt sie mit nur etwa 13% der Bevölkerung, jedoch ist dies nicht genug für Lillis Mami. Sie meldet Lilli in verschiedenen Kursen an, um Lilli zu fördern. Schließlich ist Lilli in ihren Augen ganz sicher hochbegabt. Der Test ist nur aus Versehen schlecht gelaufen. Lilli fühlte sich nicht gut und dazu kam, dass der Psychologe gar nicht gut war. Er mochte Lilli nicht, dass wusste Mami sofort, deshalb ist es kein Wunder, dass der IQ-Wert nicht optimal war.
Pauls Mutti erzählt lieber gar nichts mehr. Sie sucht einen Schultornister, - leicht genug für einen 5jährigen Jungen- und hofft, es fällt nicht so auf, dass Paul jünger ist. Sie ist ausgelaugt von den Erklärungen und Rechtfertigungen. Mutti geht regelmäßig zur Selbsthilfegruppe, dem Gesprächskreis „Eltern hochbegabter Kinder“ und holt sich Ratschläge, oder erzählt einfach nur, wie es gerade läuft. Das tut sehr gut. Man hat auch angeboten die Lehrerin dürfe gern mal mitkommen, um sich zu dem Thema zu informieren, auch um ein Gefühl für die Elternsituation zu bekommen. Einmal im Monat gibt es einen Hobekids-Spielkreis, dort trifft er dann auf Kinder, mit denen er sofort zurechtkommt. Dort ist er kein Außenseiter. Lilli hat nun 4 Termine die Woche: Schwimmen, Ballett, Flöten und Englisch für Vorschulkinder, damit sie dort später gut ist.
Paul hat auch Kurse. Er spielt Schach und macht einen Matheworkshop.
Und er ist ein Schulkind! Er lässt die anderen Kinder kaum zu Wort kommen, ruft in die Klasse und hatte auch einen Pipi-Unfall. Aber er schafft im Unterricht alles wie die anderen Kinder. Leider findet er, hat er immer zu viel Zeit übrig und außerdem kennen die anderen Kinder noch nicht alle Buchstaben, obwohl schon 1 Woche Schule war. - Paul verändert sich, er hört einfach nicht mehr zu oder stört. Die Kindergärtnerin von Paul ahnte ja schon, dass es eine Schnapsidee wäre, ein so junges Kind einzuschulen. „Nicht reif genug“ nannte sie das. Mutti macht sich Sorgen und rennt verzweifelt zum Gesprächskreis. Doch dort sehen das alle entspannt, die meisten kannten das schon. Mutti soll mit der Lehrerin sprechen. Die Lehrer sind meist dankbar, wenn Eltern das Gespräch suchen, jedoch fürchtet Mutti schon wieder die Reaktion auf das Wort „Hochbegabung“ Sie hatte die ganze Nacht nicht geschlafen, weil sie fürchtete die Lehrerin hätte vielleicht kein Verständnis dafür, oder würde ihr nicht glauben.
Aber Pauls Mutti hatte Glück, in den Grundschulen ist Hochbegabung mittlerweile zum Thema geworden und Pauls Lehrerin wusste nur nichts von seinem Test und somit nicht wie sie Paul richtig anpacken sollte, obwohl Paul dann doch besser im 2. Schuljahr aufgehoben war, denn den Stoff der 1. Klasse beherrschte er bereits sicher und konnte sich unmöglich noch ein ganzes Schuljahr damit befassen. Lillis Mami bringt ihre Tochter neuerdings zum Eislaufen und schüttelt nur den Kopf.
Paul 5 34 Jahre alt im 2. Schuljahr. Das arme Kind!
Aber wer weiss schon, wie es Lilli und Paul an der weiterführenden Schule gehen wird? Ich bin sicher Lilli macht das Rennen und Paul bleibt 2 x sitzen, kommt danach zur Sonderschule, während Lillis Mami dann gern bereit ist, Pauls Mutti zu trösten. Glücklich werden sie beide nicht.
Dagmar Starck